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Bericht 1 ~ 10. Sep. 2008

Sie steht auf – und schlendert wortlos, ohne sich nach mir umzublicken um die Ecke.

Ich bleibe, wie schon so oft, noch eine Weile wie erstarrt sitzen und frage mich inmitten des tosenden Lebens, was ich dieses Mal falsch gemacht habe. Die gesamte Situation lädt geradezu zum verzweifeln ein, denn keine frühere Wahrheit erscheint mir heute noch als ungelogen.

Schon seit einiger Zeit läuft unsere Beziehung nicht so, wie sie laufen sollte. Genau genommen besteht sie zum weit größten Teil daraus, dass ich völlig am Boden zerstört bin und sie sich am liebsten aus dem nächst besten Fenster stürzen möchte. Wieso ich ihr nicht folgen würde? Ich bin zu feige. Ich denke an die restliche Welt, die ich im Stich lassen würde. Und vor allem: Irgendwo tief in mir drinnen wohnt, fest im Grund verankert, ein kleines Pflänzchen omnipotenter Hoffnung. Normaler Weise hätte jeder Mensch nach lediglich drei, vier, möglicherweise fünf Wochen diese leidige Beziehungskiste beendet –  Wieso ich mir dessen sicher sind? Alle meine Freunde teilen es mir täglich mit. –, aber ich nicht. Verstehen kann ich dies nicht wirklich, denn wenn ich in mich gehe und über die Problematik des letzten Jahres nachdenke, ergibt sich nur eine einzigmögliche Handlung. Schluss machen.

Begründen kann ich diesen Entschluss auch mannigfaltig, da ich – obwohl sie mir dies nie zutrauen würde – beinahe jede Minute darauf verwende, um das Für, das Wieder, sämtliche Pros, und Kons, alle Vor- und Nachteile gegeneinander abzuwiegen. Ihr mögt jetzt sicherlich wissen, zu welchen Ergebnissen ich gekommen bin, also lest:

Ich bin ein Arschloch. Das weiß ich ganz genau, denn es wurde mir schon dutzende Male an den Kopf geworfen. Ich bin ein Ekel. Ein Egoist. Ein Scheusal. Eine kranke Sau. Dies alles stimmt natürlich nicht, sagen meine Freunde; sagt sie, wenn sie mich gerade einmal gern hat; sagte ich mir vor etwas mehr als einem halben Jahr. Doch meine Selbstwahrnehmung hat sich radikal geändert. Ich bin nicht der nette Junge von nebenan, der sich aufopfernd um seine liebe Freundin kümmert. Ich bin jemand, der seinen Trieben mit Kopf und Kragen ausgeliefert ist. Diese leidigen Triebe, die ich nicht beeinflussen kann, führen bei all meiner Rationalität dazu, dass ich sie, sobald sie in greifbare Nähe ist, ansehen, umarmen, küssen muss. Doch damit nicht genug. Ich muss sie berühren, ausziehen, spüren. Und ich kann absolut nichts dagegen tun, denn ihre Haut ist so weich, so warm, so angenehm. Ich kann nicht einfach loslassen, und wenn sie mir endlich mitteilt, dass sie dies nicht will, werde ich traurig. Ziehe mich zurück. Und versteh die Welt nicht mehr.

Wahrscheinlich ist dieses Verhalten jedem Mann zu Eigen, ganz natürlich. Aber mir behagt es nicht, die Kontrolle über meinen Körper für ein paar glückliche Momente aufzugeben, da ich in solchem Zustand nicht bemerke, was ich tue – oder es nur ganz verschwommen wahrnehme und es mir im Rausch der Endorphine vollkommen egal erscheint.

Letztens tat ich ihr dabei weh, durch allzu grobes Vorgehen. Das schlimme daran ist – neben der unseeligen, unentschuldbaren Tat an sich alleine schon –, dass ich dies nicht einmal bemerkte. Für mich war zu diesem Zeitpunkt, als ich sie wie entfesselt küsste, die Welt in Ordnung. Ihr fügten meine Hände Schmerzen zu. Als sie mir dies in einer ruhigen Minute mitteilte, konnte ich nur noch weinen über meine Niederträchtigkeit.

Ich bin ein Scheusal, quod erat demonstrantum.

Zu diesem Grund addieren sich noch andere, doch von diesen werde ich später berichten, wenn ich aufgehört habe, mich vor Trauer selbst zu schlagen.

Wieso aber saß sie neben mir? Wenigstens dies sollt ihr heute noch erfahren, also lest:

Nach der zweiten Stunde ging ich gedankenverloren die Treppe hinab und bemerkte wie zumeist keine Details meiner Umgebung. Kurz hob ich den Kopf, um zu schauen, ob ich sie nicht vielleicht doch erblicken könnte. Und wirklich: sie stand inmitten der wandelnden, unbedeutenden Masse stocksteif und blickte mich aus großen, trauernden Augen an. Mir blieben zwei realistische Handlungsmöglichkeiten. Entweder weiter zu ziehen und mich meinem Elend hinzugeben, sie gemein zu ignorieren. Oder aber mich durch den Strom menschlicher Leiber einen Weg zu ihr zu kämpfen.

Als ich auf dem oberen Absatz angekommen war, hatte sie schon längst resigniert mit den Schultern gezuckt und sich von mir abgewandt. Ich folgte ihr langsam durch den leeren Gang bis zu einer Sitzgruppe aus Eichenholz, auf welches sie sich seufzend sinken ließ. Kurz stand ich unentschlossen vor ihr und wartete, ob sie mir vielleicht etwas sagen wollte, dass sie mich vermisste, oder etwas Ähnliches. Doch sie wendete mir lediglich ihren Rücken zu, vergrub das Gesicht in ihren zarten Händen und fing an, leise zu schluchzen – jedenfalls kam mir dies so vor.

Was also tun in solcher einer Situation? Ich bin ja ein Männchen und als solches erwiesener Maßen unsensibel und grob, aber ich tat mein Bestes. Redete sanft mit ihr, fragte sie nach der Art ihres Kummers, erzählte ihr, wie schlecht es mir wegen den vergangen Ereignissen geht. Auch einiges anders sprach ich, was mir nicht im Gedächtnis geblieben ist, da es schlicht unwichtig ist, wahrscheinlich auch unsinnig war, denn ich konnte mich nur auf ihren Rücken konzentrieren, wie er so traurig vor mir herab hang, das einzige, was ich von ihr erblickte. Ich berührte sie sacht an der Schulter, doch sie schüttelte mich ab und es erklang wieder das vermeintliche Wehklagen. Kurzentschlossen stand ich auf, umrundete sie und versuchte, ihr ins Gesicht zu blicken. Scheinbar ein fataler Fehler, da sie sich abermals von mir abwandte. Ich kam mir zwar herrlichst veräppelt vor, aber ich versuchte dennoch, noch einmal meine Position dahingehend zu verändern, dass ich ihr ins Gesicht blicken könnte. Kein Erfolg.

Was blieb mir also anderes übrige, als neben ihr tatenlos sitzen zu bleiben und zu beobachten, wie sie sich zusammenkrümmt? Weg gehen uns sie alleine lassen, das wollte ich nicht. Kommunikation mit ihr war scheinbar auch nicht möglich. Was also tun? Ich weiß es doch nicht!

Nach dem Klingelzeichen nahm sie ihren Rucksack und entschwand, ließ mich sitzen.

 

Die Welt ist ein Irrenhaus – und ich bin mitten drin.

11.9.08 13:58
 


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